Was bedeutet Plastik im Meer für die Tiere? – Transkript

Dies ist das Transkript zu unserer Podcast-Folge Was bedeutet Plastik im Meer für die Tiere?



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00:00 Intro

Dennis Eckmeier: Unglaubliche Mengen an Plastik hat die Menschheit inzwischen produziert. Und ein großer Teil davon gelangt in die Ozeane. Besonders ominös ist Mikroplastik. Kleinste Plastikpartikel, die praktisch überall zu finden sind. Wie sich Mikroplastik auf die Tierwelt auswirkt, ist dabei noch gar nicht hinreichend erforscht.

Unsere Expedition führt uns diesmal nach Kiel, ans GEOMAR, Helmholtz Zentrum für Ozeanforschung. Doktorandin Thea Hamm erforscht dort die Auswirkung von Mikroplastik auf Miesmuscheln, die ein zentrales Element des Ökosystems Ostsee sind. Wir erfahren nicht nur von den Ergebnissen und ihr wissenschaftliches Vorgehen, sondern auch, warum Frau Hamm sich für Umweltgifte interessiert und wieso sie auf lange Sicht der Forschung den Rücken kehren will.

Willkommen zur Expedition in die Forschung. Mit diesem Podcast ziehen wir aus in die Welt der Wissenschaft, um mehr über aktuelle Forschungsergebnisse, die Forschenden dahinter und das wissenschaftliche Arbeiten herauszufinden. Dazu präsentieren wir euch zunächst drei aktuelle Meldungen. Euer Feedback hilft uns dann, die Feature Story für eine der kommenden Folgen auszuwählen.

Die Feature Story für diese Folge habe ich vorhin schon angekündigt. In den Meldungen geht es um Artenschutz von Menschenaffen, dem Magnetsinn von Vögeln und ein erstaunliches Gerät, mit dem sich Trinkwasser ohne Energieaufwand aus der Luft holen lässt.

Wenn euch der Podcast gefällt, dann abonniert ihn doch in eurem Podcatcher auf Spotify oder auf YouTube. Mehr Infos und Transkripte der Folgen findet ihr auf unserer Homepage expeditionindieforschung.de. Ich bin Dennis Eckmeier und mein Co-Moderator ist mein alter Freund, Studienkollege und Gamemaster, Bart Geurten.

Bart Geurten: Hallo!

Dennis Eckmeier: Wir sind Diplom-Biologen mit Doktortiteln in Neurobiologie. Bart forscht als Postdoc an der Uni Göttingen und ich bin nach einigen Jahren als Postdoc freier Wissenschaftskommunikator geworden.

01:58 Meldungen aus der Forschung

Bart Geurten: Dennis postet immer wieder Wissenschaftsnachrichten als kurze Videos in den sozialen Medien. Für die Meldungen aus der Forschung wählen wir dann drei der beliebtesten Nachrichten aus, um sie euch hier vorzustellen. Los geht’s!

02:10 Menschenaffen geht der Platz aus.

Dennis Eckmeier: Klimawandel und Bevölkerungswachstum schränken die Lebensräume der teils kritisch vom Aussterben bedrohten Schimpansen, Bonobos und Gorillas zunehmend ein. Eine internationale Forschergruppe hat berechnet, worauf sich die Schutzorganisationen und Regierungen in der Region einstellen müssen.

Die Forschungsteams aus Afrika, Nordamerika und Europa, darunter Forschende des Deutschen Zentrums für Integrative Biodiversitätsforschung des Max-Planck Instituts für evolutionäre Anthropologie und der Universität Halle-Wittenberg trugen eine große Anzahl veröffentlichter Daten zu den Beständen der Menschenaffen und den Vorgängen in den betroffenen Regionen zusammen.

Mithilfe dieser Daten stellten sie eine Reihe von Modellrechnungen an, wie sich die Verbreitungsgebiete der Tiere in den nächsten 30 Jahren, also bis 2050, verändern werden.

Ihre Prognose ist wenig erfreulich. Selbst wenn eine Reduktion des weltweiten CO2-Ausstoßes sofort einsetzen würde, werden die Menschenaffen voraussichtlich etwa 85 % ihrer derzeit bewohnten Lebensräume verlieren. Schlimmstenfalls könnten bis zu 94 % des Lebensraums verloren gehen.

Ein Hoffnungsschimmer ist, dass neue Gebiete im Hochland für Menschenaffen bewohnbar werden könnten. Ob die notwendigen Ökosysteme und auch die Menschenaffen selbst sich jedoch schnell genug in dieser Region ausbreiten können, ist ungewiss.

Wanderbewegungen und genetischer Austausch zwischen den Gruppen können zusätzlich durch das Zurückziehen der Lebensräume in höhere Lagen erschwert werden. Denn bisher zusammenhängende Lebensräume würden teils voneinander getrennt.

Die Forscher empfehlen dringend, dass ihre Erkenntnisse in die Planung neuer größerer Schutzgebiete, aber vor allem auch von neuen Straßen und Wohn- und Agrargebieten berücksichtigt werden. So dass zum Beispiel Korridore bestehen bleiben, die den einzelnen Menschenaffen-Gruppen die Wanderung ermöglichen.

Bart Geurten: Das sind echt keine guten Nachrichten.

Dennis Eckmeier: Nein. Was kann man da auch nur machen? Ich meine, der Klimawandel findet statt, die Menschen werden wohl auch noch eine Weile mehr werden und irgendwie muss man das mit dem Überleben der Menschenaffen vereinbar machen.

Aber etwas, was wir jetzt hier ausgelassen haben, was aber auch so angedeutet war in dem Paper und wo ich dann auch neulich eine Meldung zu gesehen habe, war, dass die Menschenaffen sich dann auch häufiger gegenseitig über den Weg laufen. Die sind ja sehr territorial und vor allem die Schimpansen sind super-aggressiv und dann gehen die aufeinander los.

Bart Geurten: Dezimieren dabei auch noch zusätzlich die Population der Tiere, oder wie?

Dennis Eckmeier: Ja genau! Ich habe eine Meldung gesehen, das war wohl das erste Mal, dass sowas dokumentiert wurde, und da ist eine Gorilla-Familie auf eine Schimpansen-Horde gestoßen. Die Schimpansen haben angegriffen und zwei der jungen Gorillas haben das nicht überlebt.

Bart Geurten: Kommen wir zu fröhlicheren Meldungen,

05:00 Der Quanten-Magnetsinn im Vogelauge

Der Magnetsinn von Wirbeltieren ist eines der vielleicht kuriosesten Rätsel in der Tierforschung. Zwar weiß man schon seit langem, dass Vögel einen solchen Sinn besitzen, doch wo er sitzt und wie er funktioniert, bleibt unklar. Nun könnte die Forschung einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht haben.

Cryptochrome sind Proteine in der Retina von Vögeln, die auf Licht reagieren. Deren genaue Funktionen kennen wir aber nicht. Seit einiger Zeit vermutet man, dass sie am Magnetsinn beteiligt sein könnten.

Die Idee: Der Winkel, in dem Cryptochrom 4 zum Erdmagnetfeld liegt, könnte dessen chemische Eigenschaften verändern. Also statt sich mechanisch wie eine Kompassnadel auszurichten, könnte es sich um eine Art chemischen Kompass handeln.

Ein großes Team aus Forscher*innen in England, Deutschland, den USA und China hat darum mit großem Aufwand geprüft, ob Cryptochrom 4 tatsächlich die vorhergesagten magnetischen Eigenschaften besitzt.

Dazu isolierte Erstautorin Jingjing Xu von der Universität Oldenburg das Gen, das in Rotkehlchen die Bauanleitung für Cryptochrom 4 darstellt. Dann stellten sie verschiedene Varianten des Gens her und brachten diese in Bakterien ein. Die Bakterien stellten dann größere Mengen der unterschiedlichen Varianten von Cryptochrom 4 her.

Forscher*innen in Oxford verwendeten eine Reihe modernster Messverfahren wie Magnetresonanz-Messungen und neue Methoden der Spektroskopie, um die Empfindlichkeit der verschiedenen Cryptochrom 4 Varianten für Magnetfelder zu messen.

Sie konnten die magnetischen Eigenschaften in Cryptochrom 4 nachweisen, darüber hinaus bestätigten sie quantenmechanische Berechnungen weiterer Forscher in Oxford und Oldenburg. Diese hatten vorausgesagt, welche der 527 Bauteile des Proteins für diese besonderen Eigenschaften verantwortlich sind.

 Außerdem zeigten sich die Cryptochrom 4 Versionen von Vögeln, die keine größeren Reisen machen, als weniger magnetisch aktiv. Cryptochrom 4 könnte also prinzipiell tatsächlich als der chemische Kompass für den Magnetsinn von Rotkehlchen dienen. Der abschließende Beweis fehlt aber noch.

Dennis Eckmeier: Ja, ich fand das total spannend, weil ich meine, wann hat man das schon mal, dass jemand hingeht und wirklich quantenmechanische Berechnungen anstellt.

Bart Geurten: Das hat überhaupt nichts mit den ganzen Vögeln da drin zu tun. Wer es bis hierhin noch nicht bemerkt hat, der Herr Eckmeier hat ein Faible für Vögel.

Dennis Eckmeier: Ich finde die Tiere halt physiologisch sehr interessant.

Bart Geurten: Ich finde, wir sollten viel mehr Themen über Insekten haben, die sind viel cooler.

Dennis Eckmeier: Wir hatten auch ein paar Insekten schon.

Bart Geurten: Das einzige Mal, dass wir Insekten hatten, da sterben die an Glyphosat. Aber hier die coolen Vögel mit ihrem Magnetsinn, danke, Dennis!

Dennis Eckmeier: Na gut! Nächstes Mal mache ich irgendwas mit Ameisen.

Bart Geurten: Aber tatsächlich finde ich das wirklich beeindruckend von der Quantenebene bis ins Verhalten ein Thema begleiten zu können.

07:49 Trinkwasser aus der Luft.

Dennis Eckmeier: 2,2 Milliarden Menschen haben keinen gesicherten, regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Eine Arbeitsgruppe in Zürich entwickelte nun einen Kondensator, der zu jeder Tageszeit Wasser aus der Luft gewinnen kann, ganz ohne Energieaufwand.

Abseits von Gewässern und Grundwasserreservoirs bleibt nur eine Wasserquelle, die Kondensation von Luftfeuchtigkeit. Warme Luft nimmt nämlich mehr Feuchtigkeit auf als kalte. Wenn man Luft also abkühlt, schlägt sich ein Teil der Luftfeuchtigkeit in Wassertropfen nieder. Das ist die Kondensation.

Die sieht man zum Beispiel bei schwitzenden Getränkedosen. Wenn man sie aus dem Kühlschrank holt, kühlt sich die Luft an der Dose ab, die kalte Luft kann die Feuchtigkeit nicht mehr halten und Wassertropfen entstehen an der Oberfläche der Dose. Für die Wassergewinnung brauchen wir also eine kühle Oberfläche, an der Wasser kondensieren kann. Um einen Gegenstand abzukühlen, kann man Energie aufwenden wie im Kühlschrank. Wenn man Energie sparen will, kann man sich den Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht zu Nutze machen, also im Prinzip Tau absammeln. Dann kann man aber nur nachts Wasser gewinnen.

Die Schweizer Forschenden haben einen neuen Ansatz verfolgt. Sie entwickelten eine Platte, die sich selbst kühlt, ganz ohne Energieaufwand. Die Platte ist mit Silber beschichtet wie ein Spiegel und darüber mit einem besonderen Polymer, das Infrarotlicht in einer Wellenlänge abstrahlt, die von der Atmosphäre nicht wieder aufgenommen oder reflektiert wird. So kann die Platte Wärme optimal abstrahlen.

Darüber hinaus umgaben sie die Platte mit einem kegelförmigen Strahlenschild. Der lässt die abgestrahlte Wärme entweichen und schirmt die Platte gleichzeitig von Umgebungswärme ab. So wird die Platte bis zu zehn Grad kühler als die Umgebung. Luftfeuchtigkeit kondensiert und tropft dank einer weiteren wasserabweisenden Schicht in einen Auffangbehälter.

53 Milliliter Wasser pro Quadratmeter und Stunde kann die Testanlage aus der Luft holen, also etwa 1,2 Liter am Tag. Das läge nahe am theoretischen Optimum. Die Forschenden hoffen, dass ihre Entwicklung aufgegriffen wird und in größeren Anlagen in Regionen mit Wassermangel umgesetzt.

Bart Geurten: Ich frag mich immer, was mit unseren Hörern los ist? Entweder sind das Vögel oder Hiobs-Botschaften heute. Nein, grundsätzlich finde ich, das ist eine tolle Idee, Wasser auf diese Art und Weise zu gewinnen. Und in vielen Fällen, denke ich, ist es wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, vor allen Dingen auch in Katastrophengebieten schnell an Trinkwasser zu kommen.

Dennis Eckmeier: Ja. Und ich finde, so 1,2 Liter, das ist zwar nicht viel, aber das ist so an der Grenze zu dem Punkt, wo ich sagen würde: Wenn du jetzt pro Person so einen Quadratmeter von dieser Platte hast, dann würden die auf jeden Fall nicht verdursten die Leute.

10:31 Meldungen Outro    

Bart Geurten: Und das war‘s auch schon wieder. Welche dieser Meldungen fandet ihr am spannendsten? Menschenaffen geht der Platz aus, Quantenmagnete im Vogelauge oder Trinkwasser aus der Luft? Lasst es uns wissen.

Dennis Eckmeier: Und jetzt gehen wir auf unsere Expedition in die Forschung!

10:45 Expedition in die Forschung: Was macht Plastik im Meer mit den Tieren? 

Plastik ist überall.

Thea Hamm: Das ist in der Antarktis, in der Arktis, in den Tropen, es ist an der Küste, es ist auf dem offenen Ozean. Es schwimmt oben auf der Oberfläche, es ist in der Wassersäule, es liegt unten auf dem Meeresgrund. Und nicht nur an der Küste, sondern auch in der Tiefsee. Das finde ich, muss man sich einmal schon so auf der Zunge zergehen lassen.

Bart Geurten: Und dabei ist Plastik nicht abbaubar. Das heißt, Plastik zerfällt in immer kleinere Teile, aber es löst sich nicht auf.

Thea Hamm: Der zweite Punkt ist dann, wie viel Plastik ist das denn? Und das sind halt vor allem Hochrechnungen davon, wie viel Müll jedes Land so produziert, wie viel davon höchstwahrscheinlich im Meer landet. Je nachdem, was für Müllaufkommen es gibt, was für Müllrecycling-Systeme ein Land hat und wie viel Küstenlinie.

Dennis Eckmeier: Laut Umweltbundesamt schätzt man, dass sich bis zu 180 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen befinden. Das heißt, wenn du mir für jedes Kilo Plastik nur einen Euro gibst, dann müssen dafür 3,7 Millionen Durchschnittsdeutsche ein Jahr lang arbeiten. Also zum Beispiel: Ganz Berlin. Und ich wäre dann ungefähr so reich, dass ich auf die Idee kommen könnte, mich aus Spaß in einem Riesendildo ins Weltall schießen zu lassen.

Bart Geurten: Und diese Mengen an Müll haben wir in relativ kurzer Zeit produziert.

Thea Hamm: Die Massenproduktion an Plastik hat in den 50er Jahren begonnen. Das heißt, wir haben das Ganze in 60 Jahren geschafft.

Dennis Eckmeier: Die Plastikproduktion ist über diese 60 Jahre hinweg natürlich ständig gestiegen. Und damit landen auch immer größere Mengen Plastik pro Jahr im Meer.

Thea Hamm: Es gibt noch ein weiteres Paper, das ist jetzt schon von 2015, und die berechnen, dass zwischen 5 und 12 Millionen Tonnen jedes Jahr ins Meer gelangen. Ich glaube, der WWF hat das mal bildlich umgerechnet, das ist so eine Lkw-Ladung pro Minute. Ist schon ganz schön viel, was wir einfach an Müll wirklich minütlich ins Meer befördern.

Bart Geurten: Und wo genau ist das Plastik denn jetzt im Meer?

Thea Hamm: Es gibt viele Studien, die Plastik im Meer suchen oder in der Umwelt und das vergleichen mit den Hochrechnungen oder mit dem Müllaufkommen. Und 10% ist, glaube ich, nachweisbar oder man weiß, wo es ist. Und die restlichen 90% wissen wir gar nicht. Sie müssen irgendwo sein, aber wir wissen nicht genau wo. Also ist das in der Tiefsee,? Wo in der Tiefsee? Ist es in der Wassersäule? Ist es angeschwemmt auf irgendwelchen Inseln, wo keiner lebt? Das wissen wir tatsächlich alles noch nicht. Aber wir wissen, es ist wirklich überall.

Dennis Eckmeier: Und in einigen Gebieten wird uns das Ausmaß sehr eindrucksvoll vorgeführt.  

Thea Hamm: Für meine Masterarbeit war ich in Indonesien ein halbes Jahr und war auch in der Bucht von Jakarta. Das ist eine gewaltig riesige Millionenstadt mit 17 Flüssen, die jede Menge Müll in die Bucht tragen. Und die Bucht ist voller wunderschöner kleiner Inseln, heißt Pulau Seribu, die tausend Inseln. Und das sind Inseln mit ganz vielen Mangroven. Das war Wahnsinn.

 Also diese Mangroven, die haben gewirkt wie Kämme. Ich habe da so ein Studentenpraktikum mit ein paar anderen indonesischen Studenten gemacht und wir sollten die Mangroven kartieren. Und die Wellen kommen, bringen Plastik mit und die ganzen Mangrovenwurzeln, das sind diese Wasserwurzeln, filtern wie ein Kamm, filtern das ganze Plastik aus und dann ist wirklich der komplette Boden mit Plastik bedeckt. Und da ist sonst nichts anderes mehr, also nur noch Plastik, vor allem Flip-Flops. Das war Wahnsinn. Werde ich nie vergessen.

14:28 Wie sich Plastik auf Tiere auswirkt.

Bart Geurten: Vor allem von größeren Plastikteilen wissen wir, dass sie sich ganz dramatisch auf die Tiere auswirken.

Thea Hamm: Viele Organismen fressen oder interagieren mit Plastik. Man kann auch mit Plastik negativ interagieren, ohne es zu fressen. Die Seevögel sind ein ganz großes Beispiel oder Schildkröten, Delfine, Wale, Haie, die in Geisternetzen sich verwickeln.

Dennis Eckmeier: Das sind verloren gegangene Fischernetze aus Plastik. Die Tiere verfangen sich und entweder verhungern sie oder sie ersticken, weil sie nicht zum Atmen auftauchen können.

Thea Hamm: Ganz viele Seevögel fressen Plastik, verwechseln das aktiv mit eigentlicher Nahrung.

Bart Geurten: Und dann ist ihr Magen mit Plastik gefüllt, das sich weder verdauen noch ausscheiden lässt. Weshalb sie verhungern.

Dennis Eckmeier: Allerdings muss man bei so Nachrichten auch etwas aufpassen. Manchmal suggerieren die etwas, was nicht stimmt.

Ich erinnere mich immer an diesen einen, da habe ich mich allerdings gefragt, ob es wirklich am Plastik lag, da haben sie einen toten Wal gefunden und ich meine, das Tier war 12 Tonnen oder so, und die große Schlagzeile war dann, dass da 60 Kilo Plastik drin waren. Was eine Menge Plastik ist. Ich weiß nur nicht, ob es bei einem 12 Tonnen Tier so viel ausmacht.

Thea Hamm: Ja, ich kenne diese Berichte, das stimmt. Wenn man sich den Artikel meistens genau durchliest, steht da nie, dass sie am Plastik gestorben sind. Es steht nur, sie sind gestorben und es wurde Plastik im Magen gefunden. Und die Verbindung macht meistens der Leser.

 2017, 2018, im Januar sind ganz viele Pottwale in der Nordsee gestrandet, die sind an der deutschen und niederländischen Nordseeküste gestrandet. Und wenn so große Meeressäuger stranden, die sterben an Herzkreislaufversagen, weil der Körper nicht dafür gemacht ist. Die ersticken einfach. Und daran sind die auch alle gestorben. Und einige davon hatten eben auch Plastik im Magen.

Bart Geurten: Das heißt aber natürlich nicht, dass Plastik für Tiere gesund ist.

Thea Hamm: Es gibt ein, zwei Berichte, ich glaube, einer war in Spanien und einer in Indonesien, die hatten auch sehr viel Plastik im Magen und die hatten schwere Magenhautentzündungen. Die sind jetzt auch nicht unbedingt daran gestorben, wurden aber halt geschwächt und waren krank.

16:35 Was ist Mikroplastik

Dennis Eckmeier: Große Tiere können also unterschiedlich von großen Plastikteilen betroffen sein. Und wie ist das jetzt im Kleinen?

Thea Hamm: Großes Plastik zerbricht über die Zeit in sehr kleines und ist dann irgendwann Mikroplastik, ab kleiner 5 Millimeter sagt man Mikroplastik.

Bart Geurten: Die 5 Millimeter haben übrigens keine weitere Bedeutung. Es geht nur darum, dass man kleine von großen Teilchen kategorisch unterscheiden können will. Irgendwer hat sich das ausgedacht und die restlichen Wissenschaftler haben es übernommen, weil es praktisch ist.

Dennis Eckmeier: Wichtig zu verstehen ist auch, und das ist wieder so eine nicht ganz intuitive Sache,

jedes Mal, wenn ein Teilchen in zwei Teilchen zerfällt, dann ist zwar insgesamt die gleiche Masse an Plastik im Wasser, aber die Konzentration verdoppelt sich. Die Konzentration ist nämlich die Anzahl an Teilchen in einer bestimmten Menge Wasser.

Also erst hat man ein Teilchen im Wasser und dann zwei kleinere, dann vier und so weiter. Deshalb ist die Konzentration von kleinen Plastikteilchen viel größer als die Konzentration von großen Plastikteilchen.

Was heißt das für uns? Wenn ich einen Plastikwürfel in ein Glas Wasser werfe und du nimmst einen Schluck, dann ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass da irgendein Plastik in dem Schluck ist. Wenn ich den Würfel aber zu feinem Pulver zermahle und in dem Glas Wasser verteile, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass du mit einem Schluck Wasser auch Plastik trinkst, praktisch 100%.

Thea Hamm: Je kleiner das Plastik wird, desto größer wird einmal die Wahrscheinlichkeit, dass das gefressen wird und desto mehr Tierarten können Plastik aufnehmen. Viele, viele, viele Tiere im Ozean sind Filtrierer, also sie filtern einfach Wasser und strudeln alles ein, ohne das erst mal jetzt zu unterscheiden, und fressen das auf.

18:25 Die Forschungsfrage: Wie wirkt sich Mikroplastik im Ozean auf die Tiere aus?

Bart Geurten: Wie sich das auf die Tiere auswirkt, weiß man noch gar nicht wirklich.

Thea Hamm: Viele Experimente sind einfach mit sehr hohen Konzentrationen gemacht worden und das über teilweise ein paar Stunden. Und eine Muschel wird 20, 30 Jahre alt oder eine Miesmuschel, da sind zwei Stunden nichts. Es ist interessant, das ist natürlich auch ein wichtiger Forschungsteil, was für Effekte beobachtet man dabei, wenn die so hohen Konzentrationen ausgesetzt sind. Aber mich hat vor allem interessiert die ökologische Relevanz. Also in einem Szenario, d as wir heute im Meer haben, wie sind Muscheln beeinflusst?

Dennis Eckmeier: Thea Hamm möchte also ein realistischeres Bild von den Auswirkungen von Mikroplastik auf die Tiere bekommen.

19:11 Wer ist Thea Hamm?

Wie kam sie überhaupt dazu, sich diese Frage zu stellen? Biologie hat sie schon immer interessiert.

Thea Hamm: Ich habe angefangen, molekulare Biowissenschaften in Heidelberg zu studieren. Mir war auch klar, dass ich Biologie studieren möchte. Das war immer mein Lieblingsfach. Ich habe immer viel Dokus geschaut, war viel draußen.

Bart Geurten: Und besonders fasziniert hat sie dabei die Frage, wie die Natur so funktioniert. Während des Studiums kam sie dann zum ersten Mal mit der Erforschung von Giftstoffen in der Umwelt in Berührung.

Thea Hamm: Ich hatte einen Professor, der hat mich sehr geprägt. Wir hatten eine kleine Ausrichtung in Richtung Ökotoxikologie, Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt. Das fand ich spannend. Neuro fand ich auch sehr interessant. Im fünften, sechsten Semester ein Jahr nach Japan gegangen und habe in einem kognitiven Neuro Science Laboratory gearbeitet für ein Jahr.

Ich hatte aber immer nebenher dieses mit Ökotoxikologie. Und auch in meiner Familie war Umweltschutz immer so ein großes Thema und dann fand ich das einfach am spannendsten. Gerade auch mit dem teils schlechten Zustand unserer Umwelt, was kann man dagegen tun, wie konnte es so weit kommen, das hat mich immer so am meisten umgetrieben.

Und als ich dann aus Japan zurückkam, waren mir so zwei Sachen klar: Neuro ist es für mich nicht und ich möchte ans Meer, Meeresbiologie. Das hatte ich mich vorher nicht so richtig getraut, weil in Deutschland gibt’s ja nicht so viel Meer. Dann hatte ich mir Sorgen gemacht mit den Jobaussichten, aber nach dem Jahr war mir klar, nein, ich möchte Meeresbio machen und ich will weiter in Richtung Auswirkungen des Menschen auf die Umwelt.

 Ich habe dann aber erst mal noch meinen Bachelor in Heidelberg fertiggemacht über Auswirkungen von Pestizid, Abbausubstanzen auf Zebrafisch-Embryonen. Und dann bin ich nach Kiel gegangen, um dort Meeresbiologie zu studieren. Das war der Master in biologischer Ozeanographie.

Dennis Eckmeier: Bei der Wahl des Studienfachs spielte vor allem auch die Sorge um unsere Umwelt eine Rolle. Thea Hamm hatte festgestellt, dass es an effektivem Umweltschutz mangelt.

Thea Hamm: Ich dachte erst, das ist, weil uns Wissen fehlt, und wollte Teil von diesem Wissen-Schaffen werden. Weswegen ich dann auch in der Forschung geblieben bin. Das war so mein Gefühl damals. Wir machen das so, wie wir es machen, weil wir nicht genug wissen. Wir düngen so viel und verwenden so viel Pestizide, weil wir wissen es nicht besser und wissen nicht so genau, was die Auswirkungen letztendlich sind. Und sobald wir genauer eine klare Vorstellung davon haben, können wir das besser machen als wir es momentan machen.

Bart Geurten: Ich wage einmal zu behaupten, dass sehr viele Wissenschaftler annehmen, dass gut informierte Menschen automatisch auch bessere Entscheidungen treffen. Aus dieser Überzeugung hat Thea Hamm sich auch für die Forschung und eine Promotion auf dem Gebiet entschieden.

Thea Hamm: Ich promoviere am GEOMAR im Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel über ein Stipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Und es geht um Effekte von Mikroplastik auf Miesmuscheln in der Ostsee.

Dennis Eckmeier: GEOMAR steht für marine Geowissenschaften. Dieses Fachgebiet beschäftigt sich mit den Vorgängen am Meeresboden, von der Oberfläche bis in Bereiche tief im Boden. Genauer betreibt man dort …

Thea Hamm: … viel Klimaforschung, auch ein bisschen Tiefsee, Rohstoffabbau in der Tiefsee, Klimamodellierung, Ozeanversauerung, Sauerstoff-Minimumzonen, die sich im Meer ausbreiten, also alles mit Klimawandel auch zusammenhängend und in der Ostsee auch mit Überdüngung.

Bart Geurten: Und als Doktorandin ist sie dabei natürlich nicht allein, sondern hat einen Betreuer.

Thea Hamm: Mark Lenz betreut meine Arbeit, Senior Scientist in der Arbeitsgruppe Experimentelle Benthosökologie. Er ist hauptsächlich Koordinator von einem internationalen Studentenaustausch-Projekt, das heißt GAME. Da habe ich meine Masterarbeit gemacht. So habe ich sozusagen meinen momentanen Supervisor kennengelernt und danach habe ich die Promotion angefangen.

Dennis Eckmeier: Um die Forschung durchführen zu können, hat Thea Hamm ein Stipendium von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt erhalten.

Bart Geurten: Nun will sie also die Auswirkungen von Mikroplastik auf die Tierwelt erforschen. Vor allem, weil es dort noch nicht genug realistische Studien gibt. Sie hofft, dass dieses Wissen den Menschen helfen wird, die Wichtigkeit von Umweltschutz zu erkennen und bessere Entscheidungen zu treffen.

23:28 Der Versuch

Dennis Eckmeier: Nun gibt es viele tausend, wenn nicht sogar Millionen von Arten im Meer. Man muss sich also für eine bestimmte Tierart entscheiden. Die Wahl fiel auf die Miesmuschel. Warum?

Thea Hamm: Ich bin ja in Kiel an der Ostseeküste und die Ostsee ist ein sehr spezielles Meer. Und dadurch, dass die immer süßer wird, je mehr man in Richtung Osten geht und nicht sehr viele Tiere überleben diesen Salzstress und dadurch ist die Miesmuschel biomassetechnisch die Art, die am häufigsten in der Ostsee ist und auch eine der wichtigsten Arten.

Miesmuscheln bilden riesige Bänke, richtige Muschelbänke, die ein ganz eigenes Habitat darstellen, eine Kinderstube. Und sind auch Futter für viele, also für Seesterne, für Krabben, für Seevögel sind die einmal Futter, sind eine Kinderstube. Sie ändern auch Strömungsverhältnisse, sie klären das Wasser. Also es ist deutlich klarer: Wenn Miesmuscheln in der Nähe sind, ist das Wasser einfach viel klarer, weil sie Mikroalgen herausfiltern. Und dadurch ist es eine unglaublich wichtige Art in dem Ökosystem Ostsee. Und was Miesmuscheln beeinträchtigt, hat dann im Umkehrschluss Auswirkungen auf alle anderen Arten, die dort leben.

Dennis Eckmeier: Und als Filtrierer frisst die Miesmuschel zwangsläufig und auch bewiesenermaßen Mikroplastik.

Bart Geurten: Der Plan ist jetzt, junge Miesmuscheln regelmäßig bestimmten Konzentrationen von Mikroplastik auszusetzen.

Thea Hamm: Ich wollte vor allem messen, wie es dem Tier allgemein geht. Ohne jetzt zu wissen, warum das Mikroplastik diesen Parameter verändert. Ist der Parameter verändert, zum Beispiel Wachstum, wächst die Muschel nicht mehr so gut. Oder den Body Condition Index, das ist das Verhältnis von dem Weichkörper zur Schale. Ist die Muschel dünn und abgemagert, weil sie wenig frisst oder schlechtes Futter frisst, weil Mikroplastik mit dazu gemischt ist? Steht sie gut im Futter sozusagen? Ich habe mir das Immunsystem angeschaut. Und Muscheln produzieren Byssusfäden, das sind Proteinfäden verstärkt mit Eisenionen, die sie benutzen, um sich festzuhalten am Substrat oder auch aneinander. Und dadurch bilden sich diese Muschelbänke, die man auch kaum auseinanderbekommt, weil diese Fäden wirklich sehr stark sind. Das hat so einen Klebepunkt, da ist es fest, das ist der Plaque, und dann geht von da aus ein Faden ab, der ins Tier hineingeht, und da hängen die alle fest. Zum Beispiel, wenn viele Räuber in der Nähe sind, dann produzieren sie mehr von diesen Byssusfäden, um sich fester festzuhalten und nicht so sehr, nicht so leicht gefressen werden zu können.

Dennis Eckmeier: Aber in Ihrem Aquarium sind ja keine Räuber.

Thea Hamm: Nein, festhalten wollen sie sich trotzdem.

Dennis Eckmeier: Bisherige Studien hatten die Tiere für recht kurze Zeit unrealistisch hohen Konzentrationen von Mikroplastik ausgesetzt.

Thea Hamm: Für den Größenbereich 11 bis 100 Mikrometer oder 4 bis 100 Mikrometer, das ist so der Lieblings-Testbereich von Miesmuscheln, da haben wir eigentlich gar keine Daten. Ich kenne, glaube ich, drei Paper, die in diesem Größenbereich sich Plastik angeschaut haben. Das teilweise auf dem offenen Ozean, das ist nicht mit einer Küstenregion zu vergleichen. Und deswegen habe ich so ein kleines Monitoring angefangen, konnte aber nur eine Probe analysieren und habe dann aber trotzdem daraus diese Konzentration aufgebaut als Startpunkt, wie fange ich an mein Experiment zu designen. Und dann bin ich einmal logarithmisch hochgegangen, also meine höchste Konzentration war auch nicht mehr realistisch. Das war aber auch ganz bewusst so geplant, dass ich eben sehr realistisch anfange und dann mit einer sehr hohen Konzentration ende. Und dann eine schöne Skala habe, ab wann fangen die Miesmuscheln an, darauf zu reagieren. Und ich habe das Ganze nicht ein paar Stunden gemacht, auch nicht ein paar Tage, sondern neun Monate, um wirklich einen langen Zeitraum abzudecken.

Bart Geurten: Eine Langzeitstudie dieser Art ist kein Zuckerschlecken.

Thea Hamm: Ich habe in einer Klimakammer gearbeitet, das sind komplett geflieste fensterlose Räume mit einer Seewasserleitung und einer Luftleitung, und einem, den man temperieren kann. Und meine Muscheln waren immer bei 16 Grad.

Dennis Eckmeier: Wundervolle Arbeitsbedingungen.

Thea Hamm: Dann habe ich in Kiel an der Küste Miesmuscheln gesammelt und ins Labor gebracht. Und jede Muschel hat ein eigenes Aquarium bekommen. Das war aus Glas. In der Mikroplastik-Forschung muss man immer ein bisschen gucken, dass man nicht zu viel Plastik verwendet, damit man seine Effekte nicht verfälscht, dadurch dass einfach ein Großteil im Labor aus Plastik besteht. Das heißt, ich musste alles auf Glas umstellen, also alles, was ging. Also wir verwenden schon auch viele Aquarien aus Plastik, weil sie eben praktisch und leicht sind, Glas ist auch schwer, teuer, geht kaputt, Plastik nicht. Ich habe Glasaquarien verwendet, 300 Stück. Jede Muschel hat ein eigenes Aquarium bekommen. Und ich hatte fünf Konzentrationen an Plastik und gewisse Replikatzahlen pro Konzentration und dann haben die immer schön jeden Tag zweimal was zu fressen bekommen und einmal pro Woche zusätzlich noch eine Plastikdosis.

Bart Geurten: Frau Hamm hatte also 300 Gläser jeweils mit einer Muschel. Und jede Muschel bekam jeden Tag zweimal Futter. Und einmal pro Woche wurden die Tiere mit Mikroplastik gefüttert. Auch das sollte realistisch sein, da alle Messungen in der Natur große Schwankungen in den Konzentrationen von Mikroplastik zu unterschiedlichen Zeitpunkten anzeigten. Das Futter besteht aus Mikroalgen, die am GEOMAR eigens für solche Versuche gezüchtet werden.

Dennis Eckmeier: Nun ist das ja ein größeres Versuchssystem. Gibt es da eine Art Automatik, die das Füttern übernimmt?

Thea Hamm: Ja. Das war ein großes System. Gilt die Pipette als automatisch? Ja, das war anstrengend. Das ist mit sehr viel Arbeit verbunden so ein Experiment am Laufen zu halten. Deswegen, also nach dem Experiment war mir auch klar, warum alle Leute maximal in der Regel zwei bis drei Wochen machen.

Dennis Eckmeier: Mann, Mann, Mann! Da bin ich schon froh, dass es bei uns immer Angestellte gab, die die Tierfütterung übernommen haben. Da kommt man doch sicher mal in ein Tief und will alles hinschmeißen?

Thea Hamm: Nein, ich glaube, ich bin sehr leidensfähig. Ich hatte eine dreimonatige Aklimationsphase, also ich habe das 12 Monate gemacht, auch am Wochenende. Ich hatte aber Hiwis, also ich hatte Helfer und ich hatte auch immer wieder mal einen Praktikanten, der mir das teilweise abgenommen hat.

Bart Geurten: Und zu diesem großen Aufwand kamen dann noch die Messungen. Um das Wachstum der Muscheln zu messen, hat sie die Schalenlänge mit einem einfachen Messschieber gemessen. Den Body Condition Index zu messen ist schon noch etwas komplizierter.

Thea Hamm: Da muss man die Tiere opfern . Deswegen habe ich mit sehr vielen angefangen, damit ich alle paar Monate Tiere aus dem Experiment nehmen kann. Man nimmt den Weichkörper aus der Schale raus, trocknet den und vergleicht das Trockengewicht von dem Weichkörper mit der Schalenlänge. Bei den Filtrationsraten gibt man der Muschel Futter und nimmt so alle 15 Minuten eine Wasserprobe und zählt, wie viele Algen noch drin sind. Darüber weiß man dann, wie viel Milliliter sie gefiltert haben.

Bart Geurten: Um zu messen, ob die Muscheln eine normale Anzahl an Klebefäden produzieren, hat sie 24 Stunden, nachdem sie die Muscheln für die Messung herausgenommen und wieder zurückgebracht hatte, die Klebepunkte der Fäden an der Wand des Aquariums gezählt.

31:09 Die Ergebnisse

Dennis Eckmeier: Neun Monate lang hat Frau Hamm mit Hilfe von Hilfswissenschaftler*innen und Praktikant*innen diese Prozedur durchgezogen. Sie hatte mehrere Gruppen an Jungtieren, die einmal die Woche mit unterschiedlichen Konzentrationen von Mikroplastik konfrontiert wurden. Eine davon bekam überhaupt kein Mikroplastik. Deren Messungen konnte sie dann zur Kontrolle mit den anderen Gruppen vergleichen. So wusste sie, dass die Aufzuchtbedingungen gut waren. Die Tiere sind hervorragend gewachsen.

Bart Geurten: Nach den ersten sechs Wochen kam die mit Spannung erwartete erste Messung. Als sie die Daten verglich, fand sie …

Thea Hamm: … nicht viel Unterschied.

Bart Geurten: Und dann hat sie nach weiteren sechs Wochen wieder alles gemessen und …

Dennis Eckmeier: … kein Unterschied.

Thea Hamm: Richtig!

Bart Geurten: Dritte Messung …

Dennis Eckmeier: … wieder nichts.

Thea Hamm: Richtig!

Bart Geurten: So ging es noch einige Monate weiter.

Dennis Eckmeier: War das nicht sehr frustrierend?

Thea Hamm: Ja, sehr.

Dennis Eckmeier: Aber dann hat sich doch ein bisschen was getan.

Thea Hamm: Erst gegen Ende, also wirklich so Richtung acht Monaten, neun Monaten sind die Byssusfäden runtergegangen und die Filtrationsrate, also die Fressleistung hat eine sehr interessante Wandlung gemacht. Die haben erst verglichen mit der Kontrolle am Anfang mehr gefressen. Wahrscheinlich um zu kompensieren, dass nicht nur gute Nahrung im Wasser ist, also nicht nur essbare Partikel, sondern auch noch andere. Und sind dann über die Zeit – immer verglichen mit der Kontrolle – runtergegangen und haben am Ende etwas weniger filtriert als die Kontrolle. Das war nicht signifikant, aber der Trend war sehr eindeutig zu sehen.

32:43 Gute Nachrichten für die Miesmuscheln!

Dennis Eckmeier:  So viel Arbeit, und dann keine Effekte. Jetzt könnte man glauben, die Arbeit sei umsonst gewesen. Aber das war sie natürlich nicht! Die Frage war ja, OB die Miesmuscheln grundsätzlich unter Mikroplastik in der Ostsee leiden. Der Aufwand war notwendig, um realistisch nachzubilden, wie viel Mikroplastik die Tiere in der Umwelt abbekommen.

Die Haupterkenntnis aus ihren Versuchen ist also, dass selbst die eher empfindlichen Jungtiere, mit dem Mikroplastik allein ganz gut klarkommen.

Thea Hamm: Wenn es denen damit super geht, super für die Muscheln in der freien Wildbahn, dass Mikroplastik nicht so dramatisch ist wie bei vielen Muscheln, wie man sonst gerne annehmen möchte.

Dennis Eckmeier: Und auch die Gutachter ihres Fachartikels sahen das so, die haben ihre Arbeit gleich im ersten Durchgang – mit nur ein paar Änderungswünschen – akzeptiert. Das ist nicht immer der Fall.

Die Arbeit gibt aber darüber hinaus noch einen Hinweis. Mikroplastik könnte nämlich trotz allem noch zum Problem werden, wenn weitere Faktoren hinzukommen.

Thea Hamm: Also ich habe auch noch das Immunsystem gemessen. Und es war, finde ich, sehr schön zu sehen, dass die Muschel das Plastik auf jeden Fall als Fremdkörper wahrnimmt. Mein Teil, den ich gemessen habe, war runter reguliert. Was wahrscheinlich dafür spricht, dass ein anderer hoch reguliert.

Bart Geurten: Dass das Immunsystem auf das Plastik reagiert, bedeutet einen gewissen physiologischen Stress für die Muschel, auch wenn der sie scheinbar nicht besonders beeinträchtigt. Jedenfalls nicht unter den kontrollierten Bedingungen im Labor. In der freien Wildbahn kommen aber zusätzliche Stressfaktoren hinzu, zum Beispiel durch die Klimakrise.

Thea Hamm: Da ist nachgewiesen, dass sie gestresst sind, weil die Hitzewellen nehmen zu, die Maximal-Temperaturen werden höher und die Länge von Hitzewellen nimmt zu. Und wenn sie dann zusätzlich Plastik noch sieht, dann kann es sein, dass einfach da dieser Tipping Point oder dieser Point of no Return für die Muschel früher kommt.

Dennis Eckmeier: Eine andere Gefahr für die Muscheln geht von der Überdüngung aus. Düngemittel, die in die Ostsee gelangen, tragen zu sogenannten Algenblüten bei. Die Algen vermehren sich dann in großen Mengen. Nachts, wenn sie keine Photosynthese betreiben können, verbrauchen die Algen den Sauerstoff im Wasser. Es entstehen sauerstofffreie Zonen. Die sich dort befindenden Tiere ersticken. Indirekt betrifft das auch die Kieler Förde von Zeit zu Zeit.

Thea Hamm: Wenn der Wind, manchmal entstehen große Stürme, dann bringen die aus ein bisschen tieferen Regionen sauerstofffreies Wasser, packen die in die Förde rein und dann ist für ein paar Stunden die Förde, die ganze Förde sauerstofffrei und dann stirbt alles. Also überall tote Fische, tote Seesterne. Das ist nicht schön.

Dennis Eckmeier: Je mehr solche toten Zonen sich in der Ostsee befinden, desto häufiger und intensiver werden diese Ereignisse.

Bart Geurten: Eine andere Frage, die sich aufdrängt, ist, ob die Ergebnisse denn auch für andere ähnliche Arten bedeuten, dass sie vom Mikroplastik selbst vielleicht nicht so sehr betroffen sind?

Thea Hamm: Austern sind auch noch Muscheln, die sehr häufig beforscht sind, weil sie auch eine sehr wichtige Nahrungsquelle sind. Und die reagieren zum Beispiel schon anders. Obwohl sie beides Filter Feeder sind, beides Muscheln, ein sehr ähnliches Habitat, in der Nordsee konkurrieren Austern mit Miesmuscheln, sie bilden auch Bänke, und sie reagieren aber zum Beispiel anders. Also Miesmuscheln können bis zu einem gewissen Grad auch Plastik sortieren, also nicht Essbares wieder rausschmeißen, bevor sie es runterschlucken. Und das funktioniert bei Austern zum Beispiel nicht so gut.

Dennis Eckmeier: Die Ergebnisse von der Miesmuschel lassen sich also nicht so einfach auf andere Tiere übertragen. Aber sie zeigen, dass nicht alle Tiere automatisch am Mikroplastik selbst leiden müssen. Von den vielen Arten, die man für diese Studie hätte wählen können, ist die Miesmuschel, als eine besonders weit verbreitete Art, ein wichtiger Eckpfeiler, um ein realistisches Bild der Bedrohung zu bekommen. Für ein Gesamtbild fehlt es noch an weiteren Studien an anderen Arten und auch unter anderen Bedingungen – mit dem Interesse am Mikroplastik wächst aber auch die Zahl der Forschenden und das bereitgestellte Budget. Das Feld wächst und viele solcher Studien werden durchgeführt.

37:03 Umweltschutz

Und es steht ja durchaus auch schon für einige Arten fest, dass sie am Plastikmüll leiden. Manche davon ergreifen die Herzen der Menschen vielleicht auch eher, als die Miesmuscheln das können.

Thea Hamm: Also Helgoland ist da ein sehr berühmtes, ein sehr bekanntes Beispiel. Die haben eine riesige Kolonie an Basstölpeln und Lummen. Und die bauen ganz viel Plastik in ihre Nester ein und viele von den Küken erhängen sich an dem Plastik. Das ist wahrscheinlich jetzt für den Umweltschutz eine einfacher zu transportierende Nachricht.

Bart Geurten: Thea Hamm wünscht sich natürlich, dass man etwas gegen das Plastik tut. Gleichzeitig warnt sie aber auch vor undurchdachtem Aktionismus.

Thea Hamm: Ich finde es total spannend und auch gut, dass das ein Thema ist, das so viel Aufmerksamkeit bekommt. Es gibt mittlerweile sehr viele Projekte, die versuchen, Plastik aus dem Ozean zu holen.

Ich glaube, das bekannteste ist wahrscheinlich The Ocean Cleanup von dem Niederländer. Der hat damals für viel Furore gesorgt, weil er sehr jung war und innerhalb von wenigen Wochen über Crowdfunding mehrere Hunderttausend, vielleicht sogar eine Million eingeworben hat.

Und es ist eine unglaublich technische Lösung, die nicht funktionieren kann. Also Plastik aus dem offenen Ozean zu extrahieren ist Quatsch. Es macht Sinn an Flussmündungen, es macht Sinn am Hafen oder in Buchten. Aber es macht keinen Sinn auf dem offenen Ozean.

Ja, viel Plastik schwimmt oben, aber irgendwann sinkt fast alles Plastik, weil es bewachsen wird und schwerer wird und zerfällt und kleiner wird. Das heißt, was diese Aufräumprojekte machen, ist, die Oberfläche so ein bisschen ab zu sammeln. Das ist ein eigenes Ökosystem, die Wasseroberfläche, die mit abgesammelt wird.

Die Tiefsee aufzuräumen, halte ich für keine gute Idee, das ist unglaublich fragil, technisch unglaublich aufwendig. Und es suggeriert, dass wir einfach so weitermachen können wie vorher, und wir räumen dann halt hinter uns wieder auf.

Wenn man das vielleicht sich in einem anderen Bild mal vorstellt, wenn man eine Badewanne hat und die läuft über, dann würde man wahrscheinlich nicht anfangen mit einem Teelöffel das Wasser in den Eimer zu schöpfen, sondern der erste Reflex wäre wahrscheinlich den Wasserhahn zuzudrehen. Das müssen wir mit dem Plastik machen. Wir müssen darauf achten, dass es nicht mehr in den Ozean gelangt. Und ist halt nicht unbedingt technisch, sondern hat vor allem viel mit Gesellschaft zu tun und mit Müllmanagement.

Deutschland hat ein sehr gutes Müllmanagement-System. In Deutschland geht nicht viel Müll darüber in den Ozean. Aber wir exportieren Müll, vor allem nach Malaysia. Malaysia ist auch ein Land, das nicht so gute Müllmanagement-Systeme besitzt, viel landet in Landdeponien. Und gerade bei Ländern mit viel Küstenlinie landet‘s dann auch im Meer. Und damit haben wir das Problem da exportiert, aber nicht gelöst. Und das wünsche ich mir für die Zukunft.

40:03 Die Zukunft für Thea Hamm

Bart Geurten: Inzwischen ist Frau Hamm in einem anderen Projekt am GEOMAR beschäftigt, bei dem es um die Verteilung von Plastik im Ozean geht. Außerdem ist sie kurz davor, ihre Dissertation einzureichen und wird wohl noch dieses Jahr ihre Arbeit verteidigen.

Dennis Eckmeier: Am Anfang war sie in die Forschung gegangen, weil sie dachte, dass die Menschen bessere Entscheidungen für den Schutz der Umwelt treffen würden, wenn sie nur genug darüber wissen.

Inzwischen hat sie ihre Meinung jedoch geändert. Sie plant darum, auf lange Sicht nicht in der Forschung zu bleiben, sondern sich direkt im Umweltschutz zu engagieren. Sie zitierte im Gespräch den Umweltrechtsanwalt und US-Berater in Sachen Klimawandel, Gus Speth, der übersetzt sagte …

Bart Geurten: „Früher habe ich geglaubt, die größten Umweltprobleme seien der Verlust von Artenvielfalt, der Kollaps des Ökosystems und der Klimawandel. Ich dachte, dass man mit 30 Jahren guter Naturwissenschaft diese Probleme angehen könnte. Ich habe mich geirrt. Die größten Umweltprobleme sind Selbstsucht, Gier und Teilnahmslosigkeit. Um die anzugehen, brauchen wir eine kulturelle und spirituelle Transformation. Wir Wissenschaftler können das nicht erreichen.“

41:13 Nachbesprechung

Was ich merkwürdig fand, dass das jetzt alles immer so ein bisschen klang, als wäre das viel Aufwand gewesen und wenig wäre dabei rausgekommen. Was ich gar nicht so empfinde, weil ich eigentlich sagen muss, dass auch schon die Leistung, das alles abzufragen und damit ein genaues Bild dieser Situation zu zeichnen, ja wahnsinnig gut ist. Forschung muss nicht immer die Hypothese erfüllen, Forschung muss vor allen Dingen die Daten liefern, auf denen wir die nächsten Fragen formulieren können, damit wir das System umso besser verstehen.

Dennis Eckmeier: Ja genau! Das ist ein wichtiger Punkt bei der Story, finde ich auch. Dass es nicht immer darum geht, möglichst große Effekte zu zeigen. Manchmal muss man auch einfach erst einmal gucken: Gibts überhaupt Effekte? Also auch kleine Effekte.

In diesem Fall sind die Effekte sehr klein gewesen. Aber die wissen ja auch – also Frau Hamm und der Rest des Fachgebiets die wissen natürlich: sie haben sich hier nur eine Art angeschaut, und sie haben auch nur ganz isoliert auf das Mikroplastik geguckt.

Es ist ein wichtiger Baustein von einem sehr großen Gebäude das da noch zusammengebaut werden muss, um wirklich zu verstehen, wie Plastik sich jetzt genau auf die Tiere im Großen und Ganze auswirkt.

Was natürlich nicht heißt, dass wir nicht schon wissen, dass Plastik scheisse ist für die Tiere. Das steht definitiv schon fest.

Bart Geurten: Was mich sehr gewundert hat, ist, dass dieses Ocean Cleanup Ding nicht funktioniert. Ich hatte damit gerechnet, dass das vielleicht einen kleinen, aber doch entscheidenden Anteil liefern könnte.

Dennis Eckmeier: Ja, ich hatte sogar relativ früh schon gehört, dass die Ozeanforscher das eher skeptisch gesehen haben. Und ich meine, die Gründe dazu hat sie ja auch genannt. Was jetzt in dem Ausschnitt nicht gewesen ist, war, dass der Gründer inzwischen wohl auch die Strategie geändert hat und sich mit seinem Cleanup mehr auf Flüsse konzentrieren will. Ich glaube, das heißt jetzt auch anders. River Cleanup oder so. Ich kann mal den Link in die Shownotes packen.

Bart Geurten: Jetzt säubert er die Zuflüsse ins Meer, oder wie?

Dennis Eckmeier: Genau! Das macht wohl sehr viel mehr Sinn. Was sie uns im Gespräch nachher noch sagte, war, dass sie statt des Ocean Cleanups diese Beach Cleanups total gut findet. Also wo die Leute wirklich zum Strand gehen, und mit der Hand das Plastik da aufsammeln. Weil anscheinend über 17 % des Plastiks, das im Meer landet, irgendwann am Strand angeschwemmt wird. Und wenn man das dann schnell genug da weg pickt, dann kann es nicht in Mikroplastik zerfallen und wieder ins Meer zurückgeschwemmt ewrden , sondern man kann es dann wieder in Mülldeponien sicher verwahren. Das ist wohl tatsächlich etwas, wenn genug Menschen sich da einbringen, dass das auch wirklich was bringen kann.

Bart Geurten: Wir bedanken uns ganz herzlich bei Thea Hamm, Forscherin am GEOMAR Helmholtz-Institut für Ozeanforschung in Kiel. Ihre Arbeit wurde finanziert vom GEOMAR und von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

44:25 Abschied

Dennis Eckmeier: Wenn ihr es bis hierhin geschafft habt, dann solltet ihr ernsthaft überlegen, diesen Podcast zu abonnieren. Wir sind auf allen gängigen Podcatchern zu finden, außerdem auf Spotify und auf YouTube.

Bart Geurten: Und vergesst uns nicht zu sagen, welche Meldung ihr am spannendsten fandet.

Dennis Eckmeier: Vielen Dank fürs Zuhören! Habt noch einen schönen Tag! Tschö!

Bart Geurten: Tschüss!

2 thoughts on “Was bedeutet Plastik im Meer für die Tiere? – Transkript

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